Navigation: Die Stadtwelten > Planung > Region Bremen > Zentralität der Dörfer

Die Zentralität der Dörfer

Der Beitrag der Kooperationsprogramme IMAGE und INTRA zu einer nachhaltigen Raumentwicklung
im Einzelhandel

Themenstellung als Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung im ländlichen Raum:

Betriebe des großflächigen (grfl.) Einzelhandels (EH) widersprechen den Zielsetzungen der Raumordnung und der Nachhaltigkeit, woraus sich negative Auswirkungen für die Versorgungsstruktur der Regionen und vor allem der ländlichen Räume entstehen.
In der Region Bremen sind erhebliche „Fehlentwicklungen“ zu beobachten, weshalb sie einen geeigneten und interessanten Untersuchungsgegenstand darstellt. Seit 1990 werden diese Entwicklungen im Rahmen einer interkommunalen Kooperation beraten und abgestimmt. Aus dieser freiwilligen Kooperation sind die Instrumente IMAGE und INTRA entstanden, deren Intention in der regionalen Beeinflussung der Raumstruktur und der EH-Entwicklung besteht.

Untersuchungsfaktoren der Fragestellung

Nachhaltigkeit in der Regional- und Stadtplanung:

Neben dem Oberziel der Nachhaltigkeit in der Raumplanung (Schaffung gleichwertiger Lebensbedingungen), sind Zersiedelung und stetig zunehmende Flächeninanspruchnahme als die vorrangig zu lösenden Probleme zu sehen.
Die Flächeninanspruchnahme ist von gravierender Bedeutung für die nachhaltige Entwicklung, da planerische Entscheidungen meist irreversibel sind, oder die Umkehrung der Entscheidung mit hohem Aufwand (Kosten für den Abriss, die Renaturierung, schwierige Rücknahme von Planungsrecht, etc.) für nachfolgende Generationen verbunden ist. Die Neuinanspruchnahme bewegt sich bereits seit den 1960er Jahren auf konstant hohem Niveau und zwar losgelöst von der Bevölkerungsentwicklung.

Magisches Dreieck der Nachhaltigkeit

Flächenwachstum und Siedlungsdispersion:

Aus diesem Flächenwachstum entstehen fatale Folgen für die Gesellschaft:

  • die Ernährungsbasis wird immer weiter eingeschränkt,
  • die Biodiversität nimmt ab,
  • die Landschaft wird entwertet und
  • die kulturelle Vielfalt verarmt, usw.
Die Siedlungsdispersion ist auf die besonders starken Zuwächse an Siedlungs- und Verkehrsflächen (SuV) in den ländlichen Räumen zurückzuführen, wodurch Infrastrukturen überdehnt und uneffektiv werden, die Landschaft zerschnitten und verlärmt wird sowie die Kosten für Infrastruktur, Verkehr und Energie steigen, was wiederum die Umwelt belastet. Daraus kann gesteigerter Handlungsbedarf für die Raumplanung, auch in Bezug auf die EH-Entwicklung, abgeleitet werden.

Siedlungsflächen- und Bevölkerungsentwicklung

Anteil der Siedlungs- und Verkehrsflächen am Bundesgebiet

Einzelhandel und Nachhaltigkeit:

Ein vielschichtiger Strukturwandel im Einzelhandel (er kann hier nicht differenziert dargestellt werden und ist in der Gesamtfassung bei der ALR abrufbar) und der damit einhergehende erhöhte Flächenbedarf des EH führt zum Verlust von fruchtbaren Böden und Lebensräumen für Flora und Fauna sowie zu Versorgungslücken im ländlichen Raum und kleineren Zentren. Die verstärkte Verkehrserzeugung trägt im Sinne des § 3 BImSchG zusätzliche Schadstoffe in den Boden ein und zerschneidet die Landschaft und somit Lebensräume frei lebender Tiere.
Diese erheblichen Gegensätze zu den Zielen nachhaltiger Entwicklung ergeben zwei ineinander greifende Teufelskreise zwischen Suburbanisierungstendenzen und den Auswirkungen auf Natur und Landschaft einerseits sowie auf zentrale Versorgungsbereiche andererseits.

Entwicklungen im Lebensmitteleinzelhandel

Entwicklung der Einzelhandelsbetriebsformen

Teufelskreis des SuV-Wachstums

Teufelskreisprozesse des SuV-Wachstums und zentraler Versorgungsstandorte. Beide Teufelskreise führen im Endeffekt zu gesteigerten Abwanderungstendenzen aus der Kernstadt. Weitere Berührungspunkte sind ebenfalls denkbar.

Regionalplanung im Bundesland Niedersachsen

Übersicht der RROPs in Niedersachsen und ihre Entstehung. Die Karte verdeutlicht, dass die RROPs im Umland Bremens tw. veraltet sind. Lange Zeit waren in einigen Landkreisen erst gar keine RROPs vorhanden.

Abgrenzung des Untersuchungsgebietes:

Der Begriff der Region ist zunehmend schwierig exakt zu verwenden, da Verwaltungseinheiten und Verflechtungsbereiche immer weniger korrespondieren. Eine wirksame regionale Kooperation basiert auf einem überschaubaren Raum, da dies zu erhöhtem Verantwortungsbewusstsein führen kann und große Gruppen schnell handlungsunfähig werden. Regionale Kooperation ist vor allem in Räumen mit engen Verflechtungen sinnvoll, weshalb ein enger Verflechtungsraum um das Oberzentrum (OZ) Bremen gewählt wird, nahezu identisch mit der Definition aus dem regionalen Raumstrukturkonzept.

Untersuchungsgebiet in der Region Bremen

Problematische Einzelhandelsentwicklungen:

Wie in diversen Regionen ist auch in der Region Bremen ein Trend zur Großflächigkeit, zur Rationalisierung und Standortverlagerung an die Peripherie zu beobachten. Eine besondere Problematik stellen Agglomerationen des grfl. EH dar, die sich in Niedersachsen vermehrt in kleineren Gemeinden ohne eigenes, integriertes EH-Angebot im Umland von Großstädten befinden. Mehrere solcher Standorte, die sich ausschließlich an Verkehrsströmen des MIV orientieren, mit tw. überregionaler Bedeutung gibt es auch im Untersuchungsgebiet. Aus diesen Entwicklungen resultieren partielle Strukturschwächen der Zentren und Kerne, eine tw. verschlechterte EH-Versorgung im ländlichen Raum sowie die Dezimierung der Möglichkeiten zur Nahversorgung.

Verkaufsflächen, Umsatz und Kaufkraft

Einzelhandel und nachhaltige Entwicklung in der Region Bremen:

Die Gesamtentwicklung des EH in der Region Bremen ist in keiner Weise mit den Zielen der Nachhaltigkeit kompatibel, vielmehr stehen einige Entwicklungen den Zielsetzungen der Raumordnung (sowohl des Bundes als auch des Landes Niedersachsen) entgegen und widersprechen somit auch einer nachhaltigen (EH-)Entwicklung. Diese Fehlentwicklungen beruhen bei weitem nicht nur auf alten Baurechten bzw. Fehlern der 1970er und 1980er Jahren (wie z.B. im Fall „Dodenhof“ oder einem Teil der EH-Agglomeration in Stuhr) sondern sind in anderer Form (Abschwung der Ortskerne, „Discounterisierung“, etc.) nahezu flächig festzustellen, was allen drei Dimensionen der Nachhaltigkeit widerspricht. Daraus resultiert Handlungsbedarf, der nicht im Rahmen der kommunalen Selbstverwaltung angegangen werden kann, da in den Kommunen der Region zum Teil geringer Bedarf an Veränderungen gesehen wird (Erhöhung der eigenen Steuereinnahmen im interkommunalen Wettbewerb als Ziel).

Nummernschilder auf dem Parkplatz des Factory-Outlet-Center in Stuhr

Kooperation in der Region Bremen - nachhaltig oder nicht?

Kommunale Aufgaben, die aufgrund der zunehmenden Verflechtungen zwischen Gebietskörperschaften (vor allem in Agglomerationsräumen – Stadt-Umland-Problematik) über den jeweiligen kommunalen Einflussbereich hinausgehen und daher auf dieser Ebene nicht mehr sinnvoll gesteuert werden können, dienen der Kooperation als Anlass (eine reine Ausweitung traditioneller Instrumente ist nicht ausreichend).
Dazu muss sich das Institutionen-Denken zugunsten projektbezogenen Netzwerkdenkens verändern, indem der Staat in eine moderierende Rolle schlüpft. Zur Vertrauensbildung ist in diesem Zusammenhang insbesondere die Anerkennung der Gleichwertigkeit aller involvierten Akteure von Bedeutung. Auf die verschiedenen Formen regionaler Kooperation kann hier nicht näher eingegangen werden, ist aber in der Gesamtfassung bei der ALR abrufbar bzw. im Rahmen der Arbeit "Die Region muss mit" demnächst nachzulesen.

Entwicklung der Kooperation auf Landesebene in der Region Bremen

Kooperation statt hierarchischer Koordination?

Es ist leider festzustellen, dass sich im Zuge des IMAGE-Verfahrens keine (bzw. nahezu keine) Veränderungen in der flächigen Ausdehnung des EH eingestellt haben1, vielmehr stagnieren die Zahlen auf hohem Niveau da Investitionen durch das Instrument nicht verhindert werden können. Vorhaben wurden im Verlauf des Verfahrens in der Regel flächenmäßig angepasst, Standortentscheidungen jedoch nicht getroffen, bei Vorhaben auf alten Baurechten fand das Verfahren tw. erst gar nicht statt, weshalb die Belange der nachhaltigen Entwicklung nur unwesentlich berührt werden.

Ablaufphasen des IMAGE-Verfahrens

Empfehlungen für eine nachhaltige Einzelhandelsentwicklung:

Eine Erfolg versprechende Weiterentwicklung der Kooperation in der Region Bremen ist die Festlegung zentralörtliche Versorgungsstandorte innerhalb der Gemeinden, um eine präzisere Lenkung der Entwicklung zu ermöglichen. Ein solches Konzept wird derzeit erarbeitet. Durch Einführung verbindlicher Festlegungen im engeren Verflechtungsbereich des OZ könnte man den großen Differenzen in der Bereitschaft zu einer verbindlicheren Kooperation seitens der Kommunen begegnen und den Mitgliedsbereich später ggf. ausdehnen.

Faktoren eines nachhaltigen Einzelhandelsstandorts

Hinweis:

Die hier vorgestellte Arbeit ist Preisträger des Hochschulpreises der Akademie für den ländlichen Raum Niedersachsen e.V. 2008 und kann auf der Homepage der ALR in eine vollständigen Kurzfassung als PDF unter dem Menüpunkt "Aktuelles / ALR Hochschulpreis vergangener Jahre" abgerufen werden.

Abbildungsnachweis:

  1. Eigene Darstellung: Themenschwerpunkte der Untersuchung
  2. Eigene Darstellung: "Magisches Dreieck" der Nachhaltigkeit
  3. Eigene Darstellung nach Beckmann, Gisela / Dosch, Fabian (1999): S. 496
  4. Eigene Darstellung nach Kindler, Rita (2004): S. 104
  5. Eigene Darstellung nach Blatt, Lothar / von Raczeck, Gisela (1998): S. 42
  6. Eigene Darstellung nach Birk, Hansjörg et. al. (1998): S. 8
  7. Eigene Darstellung: Teufelskreisprozesse des Siedlungs- und Verkehrsflächenwachstums
  8. Eigene Darstellung auf Grundlage der deutschen topographischen Karte
  9. Eigene Darstellung auf Grundlage der deutschen topographischen Karte
  10. Eigene Darstellung auf Grundlage in verschiedenen Gutachten von Acocella, Donato / Schnacke-Fürst, Antje ermittelten Daten
  11. Eigene Darstellung auf Grundlage der deutschen topographischen Karte
  12. Eigene Fotos: Stuhr 05/2008
  13. Eigene Darstellung nach Baumheier, Ralph (2006): S. 201
  14. Eigene Darstellung nach Kinder, Ulrich (2005)
  15. Eigene Darstellung: Einflussfaktoren auf einen nachhaltgen Einzelhandelsstandort

von Jens Bossen

Freunden zeigen: