Navigation: Die Stadtwelten > Planung > Quartiersforschung > Stadtumbau Buntekuh

Nah an den neuen Bundesländern?

Transformationsprozesse, Abwärtstrends und Gegensteuerungmaßnahmen in einer
westdeutschen Großwohnsiedlung am Beispiel Lübeck Buntekuh

Inhaltliche Einführung:

Die Großwohnsiedlung (GWS) Lübeck-Buntekuh ist nah an den neuen Bundesländern. Dies gilt nicht nur räumlich, sondern auch für Programme und Maßnahmen innerhalb der Siedlung. So ist Buntekuh Gegenstand von gleich zwei Städtebauförderungsprogrammen: die Siedlung ist Modellgebiet im Programm Stadtumbau West und wird vom Programm Soziale Stadt gefördert. Gleichzeitig wurde, analog zu Großwohnsiedlungen in den neuen Bundesländern, bereits die Option Rückbau von Wohngebäuden gewählt. Es lässt sich daher vermuten, dass sich in der Siedlung Problemfelder zeigen, die diesen recht ähnlich sind.

Pinassenhochhaus im Zentrum Buntekuhs

Fragestellung:

Die Fragestellung der hier vorgestellten Untersuchung lautet wie folgt: Welche für ost- und welche für westdeutsche Großwohnsiedlungen typischen Problemfelder lassen sich in der Siedlung Lübeck Buntekuh aus raumplanerischer Sicht feststellen und in welcher Art und Weise wird darauf von wem, wie erfolgreich reagiert?
Diese doch relativ Kompakte Formulierung bedarf noch abschließend einer Erläuterung zu folgenden Begriffen:

  • "Ost- und Westdeutsche Problemfelder" meint, dass sich tatsächlich auf diese in der Theorie als typisch festgehaltenen Probleme beschränkt werden soll. Eine allgemeine Betrachtung von Problemen in Buntekuh ist nicht Ziel der Arbeit.
  • Raumrelevanz: Ziel dieser Arbeit ist, raumrelevante Maßnahmen, also insbesondere städtebauliche und stadtsoziologische Aspekte zu beleuchten.
  • Art, Subjekt und Erfolg von Maßnahmen verdeutlicht zunächst, dass alle Gegensteuerungsmaßnahmen im Stadtteil, egal welchen Trägers, betrachtet werden. Diese werden anschließend dahingehend überprüft, wie Sie zur Entwicklung des Stadtteils beitragen.

Arbeitsprozess der Untersuchung Buntekuhs

Buntekuh, die Großwohnsiedlung:

Die Großwohnsiedlung soll nun zunächst einmal auf die üblichen Kriterien, anhand derer man den genannten Siedlungstyp abzugrenzen pflegt, überprüft und tabellarisch dargestellt werden.

Großwohnsiedlungskriterium Zutreffend in Buntekuh?
Eindeutige Abgrenzbarkeit Trifft zu (siehe nebenstehenden Plan)
Mehr als 1000 Wohneinheiten Buntekuh hat ca. 5.200 Wohneinheiten
Überwiegend Mietwohnungen Mietwohnungsanteil von über 75%
Überwiegend Sozialwohnungen Trifft nicht zu, da Anteil unter 40%
Überwiegend Geschosswohnungsbau Trifft zu (siehe diverse Abbildungen)
Einheitliche Planung und Errichtung Trifft zu (siehe nächsten Abschnitt)
Randstädtische Lage Buntekuh liegt an der A1 am Lübecker Stadtrand

Wie sich gezeigt hat, erfüllt die GWS Buntekuh sechs von sieben Kriterien für typische Großwohnsiedlungen. Am wichtigsten erscheint dabei die Zahl von 5200 Wohneinheiten, die deutlich höher als der anerkannte Wert von 1000 liegt. Lediglich der Anteil der Sozialwohnungen ist geringer als üblich. Von Buntekuh als GWS zu sprechen, erscheint also abschließend durchaus berechtigt. Nach dieser Vorstellung der Siedlung wird sich dieser Beitrag, analog zur schriftlichen Arbeit, im Folgenden auf ein Analysegebiet vertiefen.

Plan der Nutzungen Buntekuhs

Eine für Buntekuh charakteristische Wohnbauzeile

Buntekuh von Gestern bis Heute:

Die heutige GWS geht auf die 1960er Jahre zurück und wurde nach den Idealen der gegliederten, aufgelockerten Stadt "aus einem Guss" geplant. Als moderne Gartenstadt sollte sie von Licht, Luft und Sonne durchflutet werden, was noch heute an den weiträumigen Grünflächen erkennbar ist. Trotz der bestehenden Siedlungsansätze wurde die GWS weitestgehend auf der "grünen Wiese" errichtet. Der zugehörige Bebauungsplan wurde erst nach Errichtung 1969 beschlossen und ist in weiten Teilen noch heute gültig.
Die großen und modernen Wohnungen machten die Siedlung zur Zeit ihrer Entstehung und stellten besonders mit ihren modernen Heizungen und sanitären Anlagen einen enormen Fortschritt für Lübecker Wohnverhältnisse dar. Auch die soziale Infrastruktur trug ab Mitte der 1960er Jahre zur Entwicklung bei. So entstand zunächst das EKZ mit Ärztehaus in Stadtteilmitte 1966 und die Schule um 1966/ 67. Lediglich der Anschluss an den ÖPNV erfolgte erst im Laufe der Zeit.

Konzeptmodell der Großwohn-siedlung Buntekuh aus den 1960er Jahren

Abgrenzung eines Analysequartiers:

Bei dieser Aufteilung lassen sich dann zwei Quartierstypen grundsätzlich unterscheiden:

  • Quartiere mit Geschosswohnungsbau, bei denen mehrere Zeilenbauten wenigen Wohnhochhäusern als städtebauliche Dominanten zugeordnet werden (siehe nebenstehende Abbildung) sowie;
  • Quartiere mit Reihenhausbebauung.
Untereinander sind diese deutlich durch großzügig dimensionierte Straßenverkehrsräume und gliedernde Grünräume abgetrennt. Als schwierig abzugrenzen erwies sich lediglich das Quartier westlich des Siedlungszentrums. Eine Trennung in zwei Bereiche erschien den Verfassern wenig sinnvoll so dass hier ein Quartier mit zwei städtebaulichen Dominanten gebildet wurde. Als besonders repräsentativ gewählt wurde das Quartier "Fregattenstraße 2", das nun kurz vorgestellt werden soll.

Quartiere der Großwohnsiedlung

Wissenswertes zum Quartier "Korvettenstraße 2":

Das Quartier „Korvettenstraße 2“ liegt zentral innerhalb Buntekuhs. Wichtigste Straßenverkehrsverbindung ist die namensgebende Korvettenstraße, die das Quartier in eine nordöstliche und eine südwestliche Hälfte teilt. Mit der Karavellenstraße und dem Koggenweg finden sich noch zwei weitere Straßen, die allerdings lediglich eine Erschließungsfunktion aufweisen.
Das Gebiet ist durch Geschosswohnungsbau geprägt, charakteristisch sind die zwei städtebaulichen Dominanten und die zehn viergeschossigen Zeilenbauten. Im Quartier finden sich darüber hinaus noch zwei etwas abseits, westlich am Buntekuhweg gelegene Wohngebäude. Insgesamt verfügt das Quartier über 1266 WE.
Nördlich an der Ziegelstraße befindet sich innerhalb des Quartiers eine Postfiliale, ferner grenzt das Gebiet direkt an das Versorgungszentrum des Stadtteils mit dem Einkaufszentrum Buntekuh, einem Ärztehaus, einer Gesamtschule sowie einer (christlichen) Kirche. Auch der Wochenmarkt Buntekuhs wird innerhalb des Quartiers, auf den Stellplätzen des Karavellenstraßenhochhauses, abgehalten.
Genauere statistische Daten auf Quartiersebene sind nicht vorhanden. Für die Gesamtsiedlung lassen sich aber einige Eckdaten festhalten: So verteilen sich die 8281 Einwohner auf 3917 Haushalte, das durchschnittliche Haushaltseinkommen liegt bei 1380€. Innerhalb der Siedlung befinden sich noch 1340 geförderte Wohnungen. Mit 15,3 % Sozialhilfeempfängern und 12 % Ausländern erreicht Buntekuh innerhalb Lübecks Spitzenwerte.

Baulicher Zustand der Wohnbebauung im Quartier

Briefkästen am Pinassenhochhaus

Front des Pinassenhochhauses

Typische Problemfelder in Großwohnsiedlungen:

Sowohl die Transformations- und Abwärtsprozesse in west- als auch ostdeutschen GWS führen innerhalb der Siedlungen zu Negativeffekten. Fasst man diese zu Problemfeldern zusammen, ergibt sich dabei folgende Zusammenschau:

  • Bausubstanz: Ausdifferenzierung, Sanierungsbedarf, Eigentümerstruktur
  • Mietpreisentwicklung
  • Bevölkerung: Sozialstruktur, Arbeitsplätze
  • Infrastruktur: Einzelhandel und Freizeit, Verkehr und ÖPNV, Gesundheit
  • Mieterverhalten: Mietrückstände, Abwanderung, Mieterfluktuation, Wohnungsleerstand
  • Image: Wahrnehmung in der Gesamtstadt, Stigmatisierung
  • Gemeinschaftsleben: Aktivitäten, Öffentlicher Raum und Gemeinschaftsbereiche
  • Auffällige Verhaltensweisen: Wahlverhalten, Vandalismus, Kriminalität, "wildes Parken"

Visualisierung der Abwärtsspirale

Analyse großwohnsiedlungstypischer Problemfelder in Buntekuh:

Eine zusammenfassende Betrachtung der Problemfelder ergibt ein höchst differenziertes Bild von der Siedlung. In einigen Themenfeldern zeigen sich für GWS typische Problemfelder auch für Buntekuh. Dies gilt besonders für:

  • Die kleinteilige Eigentümerstruktur
  • Eine entmischte Bevölkerungsstruktur
  • Die starke Abwanderung aus der Siedlung
  • Das mangelhafte Freizeitangebot für Jugendliche
  • Die Wahrnehmung innerhalb der Gesamtstadt
  • Der Rückzug der Bewohner in die Privatsphäre
Auf die Verfasser eher unauffällig wirkten
  • Der unproblematische Zustand der Bausubstanz
  • Der Mangel an Arbeitsplätzen in der Siedlung, der durch viele Arbeitsplätze in der Umgebung aufgefangen wird
  • Der durchschnittliche Wohnungsleerstand
  • Das kriminell eher unauffällige Verhalten der Bewohner
Besondere Potenziale sehen die Verfasser in:
  • Der günstigen Mietpreisentwicklung
  • Der außerordentlich guten Versorgung mit Einzelhandel, Gesundheitsinfrastruktur, Bildungs- und Erziehungseinrichtungen
  • Der hervorragenden Anbindung der Siedlung an die Gesamtstadt

Abfallansammlung im Quartier

Abweisender Eingangsbereich

Eingangsbereich des EKZ Buntekuh

Zentrale Maßnahmen in Buntekuh als Strategie der Gegensteuerung:

Mit der Anmeldung des Stadtteils Buntekuh für die Förderprogramme Stadtumbau West und Soziale Stadt haben die Verantwortlichen Akteure Problemsituationen in der Siedlung erkannt und wollen sich diesen stellen. Als zentrale Maßnahmen wurden bisher verwirklicht bzw. sind geplant:

  • Impulsprojekt des Stadtbaus: Abriss des Pinassenhochhauses
  • Ansiedlung eines Ankermieters im EKZ zur Stärkung der Versorgung
  • Umbau des Karavellenstraßenhochhauses als Reaktion auf akute Probleme
  • Aufwertung des Fregattenstraßenhochhauses durch Modernisierung
  • Initiativen im Stadtteil durch den Anwohnerverein
  • Imageverbesserungskampagne im Rahmen der Sozialen Stadt
  • Umbau der Straßeninfrastruktur
  • Verbesserung der Freiraumnutzung und -struktur (Soziale Stadt)
  • Aufwertung der Siedlungsmitte

Modernisierter Eingangsbereich des Fregattenstraßenhochhauses

Abbildungsnachweis:

  1. Bossen, Jens: Lübeck, 11/2006
  2. Eigene Darstellung: Arbeitsprozess und -ablauf der Untersuchung
  3. Eigene Darstellung auf Grundlage der Deutschen Stadtgrundkarte
  4. Witt, Jan Christopher: Lübeck, 11/2006
  5. Anwohnerverein Buntekuh: Modellfoto des geplanten Stadtteils, ohne Jahresangabe
  6. Eigene Darstellung auf Grundlage der Deutschen Stadtgrundkarte
  7. Eigene Darstellung auf Grundlage der Deutschen Stadtgrundkarte
  8. Nehls, Robert Lübeck, 11/2006
  9. Nehls, Robert Lübeck, 11/2006
  10. Eigene Darstellung: Abwärtsspirale vieler Großwohnsiedlungen
  11. Nehls, Robert Lübeck, 11/2006
  12. Nehls, Robert Lübeck, 11/2006
  13. Nehls, Robert Lübeck, 11/2006

von Jens Bossen
Sebastian Scharrer
Jan Christopher Witt

Freunden zeigen: