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Sozialraum Billstedt

Soziologische Zusammenhänge in einem vielseitigen Stadtteil –
Wie beeinflusst Stadtplanung die soziale Entwicklung eines Stadtteils?

Einleitung:

Billstedt ist ein äußerst Bevölkerungsreicher Stadtteil an der östlichen Stadtgrenze der Freien und Hansestadt Hamburg. Der Stadtteil zeichnet sich vor allem durch seine großen Unterschiede aus, die sich neben der Bebauungs- auch in Bevölkerungs- und Sozialstruktur. So kann man innerhalb Billstedts verschiedene Ortsteile (Quartiere) abgrenzen, die jeweils differenzierte Strukturen aufweisen.
Hier soll in Kurzform die Leitfrage einer frühen stadt-soziologischen Hausarbeit, nämlich „Wie beeinflusst Stadtplanung die soziale Entwicklung eines Stadtteils?" analysiert werden. Hierfür wurden exemplarisch drei Ortsteile gewählt: das Stadtteilzentrum (in der Karte rot hinterlegt), die Großwohnsiedlung Mümmelmannsberg (blau) sowie das Einfamilienhausquartier Märchensiedlung (grün).

Untersuchte Quartiere innerhalb Billstedts

Geschichte des Stadtteils Billstedt

Auf dem Gebiet des heutigen Hamburger Stadtteils Billstedt befanden sich einstmals drei Bauerndörfer, deren Existenz bereits für das beginnende 13. Jahrhundert belegt ist: Kirchsteinbek, Öjendorf und Schiffbek. Kirchsteinbek zum Beispiel wurde 1212 erstmals urkundlich erwähnt und erhielt 1239 aufgrund des Baus der ersten Kirche seinen Namen. Kirchsteinbek, wie auch Öjendorf, bleibt lange landwirtschaftlich geprägt, während sich in Schiffbek seit 1882 Industrie ansiedelte.
Die Gründung der Großgemeinde Billstedt wurde 1927/1928 durch den Zusammenschluss der drei preußischen Landgemeinden vollzogen. Da die Verstädterung bereits Anfang des 20. Jahrhunderts begonnen hatte entstand hier ein neuer Arbeitervorort Hamburgs. Im Zuge des Groß-Hamburg-Gesetzes von 1937 wurde das bis dahin preußische Billstedt in die Freie und Hansestadt Hamburg eingemeindet.

Häuserzeile am Schiffbeker Weg

Die Märchensiedlung

Im Baustufenplan von 1938 ist das Gebiet, auf dem heute die Märchensiedlung wiederzufinden ist, bereits als Kleinsiedlungsfläche ausgewiesen. Mit der Erschließung der Siedlungsfläche begann man jedoch erst in den 60iger Jahren8. Im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs der Nachkriegszeit bestand der Bedarf nach Siedlungsflächen, auf denen man Einfamilienhäuser errichten konnte. Besonders in der Mittelschicht war der Wunsch nach einem Eigenheim mit Garten weit verbreitet. Diesem Wunsch wurde Rechnung getragen, indem man besonders in den Randlagen der Stadt begann, Flächen für den Einfamilienhausbau auszuweisen.
Die Märchensiedlung hat einen gartenstadtähnlichen Charakter. Die Häuser sind zum größten Teil ähnlichen Bautyp. Es sind zweigeschossige Einfamilienhäuser die mit einem Satteldach ausgestattet sind. Jedes Haus besitzt einen Garten. Die Erschließungsstraßen sind parallel zueinander angeordnet und weisen ein recht symmetrisches Muster auf. Die Verwirklichung von städtebaulichen Leitbildern lässt sich in der Märchensiedlung nur in Ansätzen beobachten. Dies ist wohl durch die Tatsache begründet, dass die Siedlung keiner einheitlichen Planung, wie etwa in Mümmelmannsberg, unterlag. Die Stadtplanung gab hier lediglich die Rahmenbedingungen, wie Erschließungsstraßen und Grundstücksgrößen vor.
Die Siedlung grenzt sich in ihrer heutigen Form deutlich von den umliegenden Quartieren ab. Diese Abgrenzung erfolgt zum einen durch die recht homogene Bebauungsstruktur in der Siedlung, die sich klar von den umliegenden Quartieren unterscheidet und zum anderen erfolgt eine Abgrenzung durch die stark frequentierten Straßen, welche die Siedlung im Norden und Osten eingrenzen. Innerhalb der Siedlung erfolgt ebenfalls eine Abgrenzung.

Bebauungsstruktur am Prinzenweg in der Märchensiedlung

Schwarzplan der Märchensiedlung

Mümmelmannsberg

Die Geschichte der Siedlung Mümmelmannsberg in ihrer heutigen Form ist relativ jung. Die Planungen begannen in den 1960er Jahren in einer Phase der allgemeinen Planungseuphorie. Neben anderen Leitbildern wurde angestrebt, insbesondere Trabantenstädte im Umland und große Wohnsiedlungen am Stadtrand zu errichten. Für Mümmelmannsberg hatte man ein Gebiet von 181 ha Größe im Osten Hamburgs auserkoren. Die Siedlungsfläche liegt im östlichen Bereich des Stadtteils Billstedt und wird von der Glinder Au, der Bundesautobahn A1 und der Bundesstrasse B5 sowie einem Grüngürtel umgrenzt. Die insgesamt 7.289 Wohnungen (größtenteils Sozialwohnungen) entstanden in zwei Bauabschnitten (1970-1972 und 1974-1979) sollten etwa 20.000 Einwohner beherbergen.
Im Sinne der aufgelockerten und gegliederten Stadt entstand Mümmelmannsberg als Großsiedlung, weit außerhalb des Stadtzentrums. Wie in der Charta von Athen gefordert, wurde die Siedlung im Sinne einer Funktionstrennung zwischen den Stadtteilen errichtet. Mümmelmannsberg ist dabei als Wohnsiedlung rein monofunktional aufgebaut11 und kann als klassisches Beispiel für die Umsetzung des Leitbilds der peripheren Großwohnsiedlungen angesehen werden. Auffallend ist auch die besondere, organische Form der Verkehrserschließung nach dem Leitbild der „autogerechten Stadt“. Fußgänger- und Straßenverkehr verlaufen dabei voneinander strickt getrennt. Innerhalb der Bebauung findet man entsprechend dem Leitbild „Urbanität durch Dichte“ vornehmlich hohe Blocks mit vielen Wohnungen. Für die Anordnung der Bebauung wurde versucht, Innenhöfe und Blockrandbebauung zu verwirklichen. Häufig sind die Baublocks dabei mäanderförmig angeordnet.

Bebauungsstruktur in der Großwohnsiedlung Mümmelmannsberg

Schwarzplan der Siedlung Mümmelmannsberg

Billstedt Zentrum

Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte sich Billstedts Zentrum zu einem Arbeiterquartier. Hochverdichtete Wohnanlagen entstanden. Auch viele Gastarbeiter fanden in der östlichen Peripherie der Hansestadt günstige Wohnungen. Die Randlage wurde lange Zeit dadurch verstärkt, dass ein Anschluss an den schienengebundenen ÖPNV erst spät, nämlich 1969 erfolgte.16 Im selben Jahr eröffnete ein Einkaufszentrum am Billstedter Platz. Ein weiteres EKZ entstand 1977 in der Nähe des U-Bahnhofes Billstedt.17 Die Verdichtung des Quartiers wurde in dieser Zeit besonders vorangetrieben. Zwischen 1995 und 1997 wurden die beiden Einkaufzentren zusammengeführt, erweitert und modernisiert. Damit erhielt das Zentrum Billstedts sein heutiges Gesicht.
Im Zentrum Billstedts wurden vor allem stadtplanerische Leitbilder der 60er und 70er Jahre umgesetzt. An vielen Stellen ist vor allem die angestrebte Funktionstrennung der verschiedenen Verkehrsarten zu sehen. Straßen werden von Fußgängerbrücken überquert, Geländer trennen die Fuß- und Radwege von den Straßen, Kleine Durchgänge und Tunnel, die sehr schnell zu dunklen Orten werden, die Angst erzeugen, sichern den Fußgängern das Gehen abseits der Straßen. Breite Straßenzüge und große Kreuzungen lassen das durch Hans Bernhard Reichow geprägte Leitbild der autogerechten Stadt erkennen.
Heute bietet das Zentrum Billstedts einen äußerst heterogenen Anblick. Die Neubauten der 60er und 70er harmonisieren wenig mit den alten Gebäuden der Jahrhundertwende, welche noch dazu keinen besonders gepflegten Eindruck machen. Das Einkaufszentrum „Billstedt Center“ nimmt den gesamten Bereich zwischen U-Bahnhof und Marktplatz ein und zerschneidet das Stadteilzentrum regelrecht.

Zentraler Bereich am Billstedt Center

Schwarzplan des Billstedter Zentrums

Innerstädtische und innerörtliche Mobilität

Ein wichtiger Bestandteil des Lebens in der Stadt und der sozialen Entwicklung eines Stadtteils ist die Mobilität. Mobilität ist seit jeher eine Voraussetzung für die räumliche Ausdehnung von Stadt18. War vor der Industrialisierung die Stadt noch fußläufig zu durchqueren, haben die Aufgabe der Mobilität heute Straßenverkehr und ÖPNV übernommen.
In Bezug auf die Mobilität nimmt Billstedt in Hamburg eine Sonderrolle ein. Die in Richtung Westen verlaufende U3 bietet nur in diese Richtung eine qualitativ hochwertige Anbindung. Die Verbindung durch Busse in die angrenzenden Stadtteile ermöglicht hingegen keine zügige Anbindung. Durch diese Umstände ist Billstedt in das Stadtteilgefüge des Hamburger Ostens nicht vollständig integriert und relativ stark von der Umgebung abgegrenzt.

Zug der Linie U3 an der Haltestelle Merkenstraße

Bevölkerungszusammensetzung und Sozialstruktur

Auf einer Fläche von 16,8 km leben in Billstedt an der Peripherie Hamburgs 68512 Menschen (Stand 2003) So entsteht in Billstedt eine Einwohnerdichte von 4068 Menschen pro km², im gesamten Stadtgebiet sind es 2271 Einwohner pro km².

> Stand
2003
Märchen-siedlung Mümmel-mannsberg Zentrum Billstedt Hamburg
Unter
18 jährige
14,1% 22,0% 19,4 % 20,1% 16,0 %
Über
65 jährige
25,6 % 14,0 % 15,8 % 16,0 % 17,8 %
Ausländer-
anteil
4,8 % 22,7 % 26,5 % 22,5 % 15,2 %
Haushalts-
größe
2,2 P 2,3 P 2,1 P 2,1 P ...
Ein-
Personen-
Haushalte
30,7 % 31,5 % 44,2 % 39 % ...
Arbeitslose 4,1% 9,3 % 9,1 % 9,7 % 7,3 %
Sozialhilfe-
empfänger
1,5 % 20,5 % 15,5 % 14,2 % 7,0 %

Hieraus ergibt sich ein Bild, das suggeriert, dass Billstedt weniger unter den ausländischen Mitbürgern leidet, sondern vielmehr an den vielen Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern.

Hochhaus in der Siedlung Mümmelmannsberg

Segregations- und Ausgrenzungsprozesse

Durch hohe Arbeitslosigkeit und kulturellen Ausschluss verödet das Quartier und eine „abweichende Kultur“ entsteht, die auch Bewohner und vor allem Kinder und Jugendliche prägt, die ihr bisher nicht angehörten. Durch die Verödung des Quartiers wird zudem die Erreichbarkeit öffentlicher Einrichtungen und privater Dienstleister erschwert. Außerdem kann der soziale Kontakt marginalisierter Gruppen zu anderen Bewohnern der Stadt aufgrund von Vorurteilen gegenüber dem Quartier in dem sie Leben behindert oder gar verhindert werden.

Kneipe am Billstedter Marktplatz

Fazit: Wie beeinflusst Stadtplanung die soziale Entwicklung eines Stadtteils?

Stadtplanung hatte großen Einfluss auf die Entwicklung Billstedts. In Bezug auf die Mobilität hat die Stadtplanung durch eine schlechte Anbindung denkbar ungünstige Vorraussetzungen für die soziale Entwicklung des Stadtteils gelegt. Dieser Umstand wurde durch die Gestaltung der Baustruktur verstärkt. Besonders die Anlage Mümmelmannsbergs hat sich negativ ausgewirkt. So findet man im ganzen Stadtteil, besonders aber hier, deutliche Segregations- und Ausgrenzungstendenzen. Diese wurden durch die Stadtplanung maßgeblich beeinflusst. Um diese Probleme zu lösen kann die Stadtplanung in Form der sozialen Stadtteilentwicklung bei konsequenter Anwendung einen großen Beitrag leisten. Es zeigen sich aber auch Grenzen der Einflussmöglichkeiten. Viele Probleme sind nur gesamtstaatlich zu lösen und müssen vor allem durch Engagement der Einwohner unterstützt werden.

Sozialwohnungsbau an der Möllner Landstraße

Abbildungsnachweis:

  1. Eiigene Darstellung auf Grundlage der Deutschen Stadtgrundkarte
  2. Eigenes Foto: Hamburg 07/2005
  3. Eigenes Foto: Hamburg 07/2005
  4. Eiigene Darstellung auf Grundlage der Deutschen Stadtgrundkarte
  5. Eigenes Foto: Hamburg 08/2005
  6. Eiigene Darstellung auf Grundlage der Deutschen Stadtgrundkarte
  7. Eigenes Foto: Hamburg 07/2005
  8. Eiigene Darstellung auf Grundlage der Deutschen Stadtgrundkarte
  9. Eigenes Foto: Hamburg 07/2005
  10. Eigenes Foto: Hamburg 08/2005
  11. Eigenes Foto: Hamburg 07/2005
  12. Eigenes Foto: Hamburg 07/2005

von Jens Bossen
Reik Waschelewski

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